Variation 2 zu T 4 (Christian Steinbacher)

STIPPVISITE MAHAGONI

                                                    „zwei stammelnde Dinge, keines ist Pfirsich“
                                                    Monika Rinck, „Sinn und Gegensinn (Sang und Antisang)“
                                                    (als Thema 4 der Liedertafel)

Aus süßestem Kirschholz gefertigt, diese Sentenz oder Kredenz,
und von einem Meister aus waldreicher Gegend, wie Anton
Pawlowitsch etwa, ja so merket auf, denn der Dichter
Franz Dodel notiert, dass strecken würden Namen die Dauer,
Farbnamen zum Beispiel retteten vorm Versinken ins Bild,
die Kollegin Köhler hinwieder weist auf ein Schrifttum, in dem
alles, was Namen habe, vergehe, wie also sei beizubringen
diesem Treiben es, dass wir dann und wann eben doch
noch ’nen Peperono à la Kirsch trügen hinüber bis nach
Zweibrücken oder gar hinauf bis zur See, 

weiß unser aller dernier cri es doch längst, dass erst hinter
weitläufigeren Steppen welch Samarkand dann auch immer
würde geknüpft, und das nicht nur vor denen, die würfen
Schecken über bloß Decken oder stoppten ab ihre Naht,
legt ins Zeug sich unser Saum in reichlich betuchter Manier,
die das alles ebenso bestens zu ramponieren weiß wie
des herbeizitierten Pfirsichs obligatorisches Fruchtfleisch,
und auch weiße Kirschen, die gibt es, will passend ergänzen
eine Grußkarte an die dänische Delegation, aber auch
diese ausufernden Zweiteiler, und jetzt bitte das alles
abgestimmt aufeinand’, und für heute, almeno fare il gesto,
etwa ganz in Cornell, sollten uns gut und gerne erfreun,
steiget also mehr heraus aus euren Schuppen und Flossen
vom Grundl- bis zum Inari-See, zeigt, zeugt euch, getönt,
neu wie frisch, oder auch gefönt, und somit bald froh,
bald auch lockend, was ja nicht dasselbe nach sich ruft
im Betrachten späterer Verschleppungen oder Blessuren
wie etwa dieser Schramme, die dem zwar gern nachfolgt,
dann aber doch keine Schwemmen hervorbringen will,
wo Vandalen ihre freschi mit der Natur eines Rosses
abseits jeder Versteppung hätten besprayt, was Passanten
als Verunzierung ehemaliger Labungsplätze für Gäule
echt ärgert, und so hätt wohl selbst solch Text mit der Zeit
statt ’ner Pfirsichhaut oder des kaum durchkomponierten
Kompostierens mit Kirschkern und Kuriosa nötig ein Deo.

Nihilum album

Eine Liedertafel mit Oswald Egger

“Das Wesen des Gedichts ist Gesang, nicht Gemälde, aber wer so redet (Herder), spricht – vom Volkslied. »Es sind / noch Lieder zu singen jenseits / der Menschen« (Celan), doch auch jenseits ihrer Sperenzchen? Kommt im alten Lied das verhaltene, was sich versagt und bleibt im Gedicht, zu Tage, als Tagelied ans Licht? Und was sind das für Worte, die wie Blumen tun, tausendschön, so ohne Erde und Terrain, nur aus der Luft gegriffen?
Oswald Egger legt quasi heimatlose Lieder und Gedichte vor, die von dort, woher die Kinder kommen, ins Diesseits kassibern: Zinkblumen ( nihilum album) aus Erde und Rede, Zink, das sich im Glosen und Fokus des Gegenständlichen verliert und wie lichtflüchtige Wollflocken in Luft aufgeht: als »lana philosophica« den Alchemisten und Hermetikern bekannt, woraus »nihilum album«, das »Weißnicht«, »Nichts« und »nicht« entstanden.”

Die Liedertafel empfiehlt als kompositorisches Material die folgenden Gedichte:

Singen, tönern
ist es gut,
Pfoten-Mond
lebendere Blitze.

*

Ich denk
und stimme
Ribisl-
Lieder an.

*

Zum Aufspringen
und Tanzen will ich,
daß alle Bohlen
Eichholz sind.

*

Perchten
im Krapp-Sack
Beutel-Puppen
ihr Schuhzeug?

*
Die Ahlkirschen-
reiche Ahlkirschwiese
ist gefährlich, Beeren-
heide, plumbs, plumbs

*

Ich saß
eine knöcherne Woche,
und ich saß
eine fleischige Woche.

*

Die
Waldbellerhunde,
die Wildbellerhunde
kläffen den Mond an.

*

Trinktücher-Kelche,
flüsternde Gruppen
stehen in den Fall-
Gassen der Würfler.

*

Manchmal klack’t ein
Ast im Takt gegen das
Balkendach der Schlag-
Blockhütte Einlaß.

*

Nicht mir
zum Schlimmen
erhoben sich
die Stimmen.

(AUS: NIHILUM ALBUM, Lieder & Gedichte, Suhrkamp 2007)

Kompositorische oder akustische Beiträge (für Stimme solo / gesungen, gesprochen /, Zuspielband oder Vokalensemble SATB) bitte an: dramaturgie@sing-akademie.de Dann versuchen wir uns gern an einer Realisierung.

Variation 11 – T 2 (Florian Neuner)

roth’sche übersauung (wewelsflether fassung)

wir versauen diesen verwahrlosten, diesen verkackten garten mit kannen – damit wir uns nicht falsch verstehen: nicht mit pfannen, sondern mit kannen voll mit abwässern, gift, ätzenden säuren, gülle & urin, einer flut von unrat, die den dreck, den wir dort bereits vorfinden, beinahe harmlos erscheinen läßt. volle kanne! wir waten in einem sumpf, der dem inhalt eines abwasserkanals gleicht & auch so riecht. der uns schon bis zu den knien reicht. entfernen bloß die letzten noch intakten pflanzen & sträucher. reißen sie aus! warum wir das nicht unterlassen? weil ihr ärsche vermutlich noch dümmere & beschissenere antworten erwartet habt, nicht wahr? scheiß drauf!

& ja: das blut tropft. alles ist durchlöchert.

krawumm

Variation 5 – T 3 (Florian Neuner)

zwei:

treiben & locken & fiepen & pissen & spüren & pissen & treiben.

& fliehen.

& stoppen & äugen.

& kommen.

& bleiben.

& schlecken & flehmen & pissen & fliehen.

& … wie bitte?

locken, & werfen.

& fiepen.

& zögern & recken.

& fiepen & rascheln.

& kommen & fiepen & schießen.

& fliehen.

beginnen. & bellen.

& jaulen. & jaulen & heulen.

& irren.

& stoßen & lecken.

& folgen.

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Variation 10 – T 2 (Christian Filips)

Kopfnuss. Kompassmuschel.
An noch einem anderen Traumstrand hatten sie den Traum ausgeräumt, abgebaut und an seiner statt einen Stand mit turmhohen Bedenken und Willkommensgeschenken eingerichtet. Dort schmeckten die Muscheln bitter wie Gewissensfragen. In Aufruhr die Touristen. Auch das Badehäuschen barst wohl schon vor angespülten Menschen. Man rief nach dem Staat: Staat! Man rief nach Europa: Europa! Europa! Was war hier mit der Statik der Völker geschehen, fragte auch ich mich. Die Hub-, Zug- und Schubkräfte des Meeres wie der Menschen sind verschieden. Da kam eine Welle. Da saßen schon wieder vier Tote im Boot. Und wohin jetzt bitte, ereiferte sich die Menge, mit dem Strandgut, den Barkassen, Karkassen, dem Tang, den Quallen und all den anderen angespülten, nicht zu knackenden Schalentieren?